Sonntag, 31. Januar 2010

Was bitte ist Projektmanagement-Beratung?

Vielleicht liegt es an meiner Haltung und Meinung zum Begriff -
„Bei systemischer Beratung geht es primär um das Stärken der Ressourcen und Kompetenzen des jeweiligen zu beratenden Systems“ – könnte von mir sein, wenn es nicht so auf Wikipedia zu finden wäre.

Was heute unter Projektmanagement-„Beratung“ verkauft wird, hätte viel eher den Begriff „Industrie“ verdient. Standardtrainings, Verfahrensmodelle, Projektmanagementmethoden, Prozesslandkarten, IT-Toolsets, Formularvorlagen, u.v.m. bis hin zu Zertifizierungsrichtlinien von weltweit agierenden Dachverbänden. Klienten können in Tagen, Wochen, Stück oder Tonnen abrufen und bekommen geliefert. Das Problem ist nur, dass sie oft nicht bekommen, was sie brauchen.

Wenn ich einige Behauptungen und Argumentationen der Marketingunterlagen dieser Industrie übersetzen darf, dann klingen sie etwa so:

  • Beispiel 1 Projektmanagement-Tool ... Durch die Installation von Microsoft Word, legen Sie den wichtigsten Grundstein für den Pulitzerpreis.
  • Beispiel 2 – Standardtrainings und Methoden ... Wenn Sie einen Kochkurs absolvieren, dann ein glänzendes Set an Töpfen, Pfannen und scharfen Messern kaufen und sich eine Kochmütze aufsetzen, sind Sie bald Haubenkoch. Am besten kommen sie als Gruppe von 10 Personen.
  • Beispiel 3 – Projekt Coaching ... Wenn Sie für eine Zahnpflege zum Zahnarzt kommen, schleifen wir Ihnen alle Zähne ab und verpassen Ihnen Gold Inlays. Ihr Lächeln wird strahlender als je zuvor. Das wird sogar Ihren Vorstand beeindrucken.
  • Beispiel 4 – Zertifizierung ... Für die Teilnahmeanmeldung an der Rallye Dakar brauchen Sie vor allem einen gültigen Führerschein.

Wo ist hier die Beratungsleistung?
Ich bestreite keineswegs, dass Methoden, Tools, Prozesse und Standards sehr hilfreiche und notwendige Bestandteile eines erfolgreichen Projektmanagements sind. Aber das reicht nicht und oft sind diese auch weder der Hebel, noch die „Silver Bullets“ zum Erfolg.
Im „Beratungs“- und Trainingsmarkt des Projektmanagements der letzten 15 Jahre entstand ein "wunderbares" Matching zwischen den Wünschen von Organisationen nach Sicherheit, Strukturierung und Nachvollziehbarkeit von Kompetenzen die im Rahmen von Projekten notwendig sind. Dem gegenüber stehen Angebote, die diesen Wünschen simpel nachkommen. Sie führen aber wenig Unterschiede und Irritationen ein.

„Beratung“ ist für jede Leistung der falsche Begriff, die beim Kunden dauerhaft mehr vom Gleichen produziert.

Die Klarheit zu fördern, dass es viele notwendige und hilfreiche Kompetenzen und Instrumente gibt, diese aber gleichzeitig nicht hinreichenden sein müssen, ist derzeit eines der größten Entwicklungsfelder in der Professionalisierung des Projektmanagements. Erfolgskritische Maßnahmen und Kompetenzen mit Kunden höchst individuell und situationsadäquat zu entwickeln, würde ich Projektmanagement-Beratung nennen.


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Beitrag von Jan A. Poczynek steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Kommentare:

  1. Hallo,
    völlig einverstanden, das hat übrigens auch ein Teil der von Ihnen beschriebenen PM-Industrie erkannt. Die GPM bildet seit letztem Jahr systemische PM-Berater aus und zertifiziert diese auch. Als einer der ersten dieser Art kann ich bestätigen, dass es da keineswegs um PM geht (das wird vorausgesetzt) sondern darum systemische Organsiationsberatung im PM-Kontext zu ermöglichen.

    Besten Gruß, Dirk Voigt

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  2. Ich bin ganz bei dir Jan, und ich sehe da noch einen systemischen Effekt. Diese Form der Beratung gäbe es nicht, wenn es die Kunden dafür nicht gäbe und umgekehrt.

    Diese Berater hinterlassen beim Kunden mit "mehr vom Gleichen" auch die große Erleichterung ... dass sich nichts Gravierendes verändern muss. Es gibt eben für jeden Topf einen Deckel.

    Wer den Mut hat gravierende Veränderungen umzusetzen, holt sich bestimmt andere Berater ins Haus. Ich sehe das positiv ... Es macht weit mehr Spaß mit Kunden zu arbeiten, die auch wirklich etwas verändern wollen, anstatt Gold-Inlays zu verpassen, die dann gleich wieder ausfallen.

    Es wird auch klarer wann man welchen Berater anrufen muss.

    Beste Grüße
    Michael Laussegger

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  3. Vielen Dank für diesen Beitrag! So selbstverständlich das eigentlich klingt, ist der Satz "Erfolgskritische Maßnahmen und Kompetenzen mit Kunden höchst individuell und situationsadäquat zu entwickeln" die Essenz der PM-Beratung.

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  4. Ja,
    das Ganze ist ja schön und gut - aber was ist beispielsweise mit dem Lehrgang der IHK IT-Business-Manager / IT-Projektleiter. Der Dauert 1,5 Jahre und lehrt eigentlich das selbe in einem Lehrgang was dort in mehrere aufgeteilt ist..

    Ja ich finde gut das es dort Zertifizierungen gibt aber auf der anderen Seite sollte man den IHK-Weg auch nicht vergesseb :)

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