Freitag, 3. Dezember 2010

Braucht Ihr Unternehmen ein Leitbild oder ein Blutbild?

Beim heutigen Österreichischen IT- und Beratertag in der Wiener Hofburg stand das Thema „Werte“ im Fokus. Mein Besuch einer Podiumsdiskussion: „Leitbilder zum Erfolg“ hat mich zu diesem Posting angeregt.

Nicht zum ersten Mal wurde das Thema „Leitbilder von Organisationen“ – nach meinem Empfinden – von der falschen Seite herum diskutiert. Nämlich so, als könne man ein Leitbild in Form einer Führungsmaßnahme „erstellen“ …dann kommunizieren, im Idealfall vorleben und damit umsetzen -
was bereits der Titel "Leitbilder zum Erfolg" suggeriert.

Darauf hätte ich nämlich eine metaphorische Gegenfrage:
„Haben Sie schon mal versucht, sich ein Blutbild zu erstellen?“
 


Was assoziieren Sie damit?
Arztbesuch… Blutabnahme… Laborauswertung… Diagnose… Es gibt dann so etwas wie Parameter mit ‚gesunden‘ Normbereichen – wie Hämoglobin, Leukozyten, Erythrozyten, Cholesterin, Blutzucker, etc.

Genau richtig! Und bei Leitbildern in Unternehmen sind das:

  • Orientierung am Kunden
  • Qualität in Produkten und Services
  • Innovationskraft für neue Lösungen
  • Mitarbeiter als wertvollstes Gut
  • Wertschätzender Umgang und Respekt
  • Wirtschaftliche Stabilität
  • Nachhaltigkeit
…oder so ähnlich – und die Normbereiche können Sie sich dazu imaginieren. Das ganze wird verpackt in einen sündhaft teuren Hochglanzfolder oder noch besser gerahmt im Eingangsfoyer.

Meine Empfehlung an Sie, wenn Sie über Leitbilder nachdenken:

  • Sehen Sie Ihr Leitbild mehr wie ein Blutbild, das Sie nicht mit einigen Kollegen in einem Workshop subjektiv ermitteln
  • Machen Sie – wenn Sie das unbedingt möchten – eine professionelle kulturelle Diagnose der Organisation
  • Dann aber vergessen Sie die Fantasie auf das Leitbild direkten Einfluss zu nehmen, geschweige denn es vorgeben zu können
  • Machen Sie sich bewusst, dass Sie manche Parameter – quasi die „Blutgruppe Ihrer Organisation“ - nicht ändern werden
  • Überlegen Sie, ob Sie als Führungskraft so handeln, wie es gesund für die ganze Organisation ist
  • Ergreifen Sie rasch Maßnahmen, wenn Sie „Krankheitsbilder“ erkennen (z.B. Absatzrückgang, Gewinnrückgang, Liquiditätsrückgang, Motivationsrückgang)
Vielleicht werden Sie dann viel mehr auch andere Instrumente einbeziehen (müssen), die strategischer, struktureller und kommunikativer Natur sind und Ihr Leitbild erfolgreich evolutionär weiterentwickeln

Ich wünsche Ihnen dabei viel Erfolg.

Kommentare:

  1. Bei allem "Blutbild" und "Leitbild wird doch übersehen, dass systemische Auswirkungen von Fusionen, rücksichtslosen, an der Projekt-Realtität vorbei gehenden Maßnahmen und Forderungen, zwangsläufig dazu führen, dass ein Leitbild nicht gelebt werden kann. Von keinem Mitarbeiter, von keinem Projektleiter. Das geht erst dann, wenn auch systemisch die Linie annähernd stimmt und damit ein offenes Feld für Fragen, Kritik und Diskussionen geschaffen wird.

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  2. wenn sie unternehmensfusionen (im sinne von merger) meinen, dann prallen ja in so einer situation 2 identitäten aufeinander.

    daraus eine gemeinsame identität zu machen ist ein viel unterschätztes unterfangen, das weniger mitarbeitern freude macht als top-manager manchmal glauben.

    sunshine!
    Jan A. Poczynek

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