Samstag, 21. April 2012

Eine Frage zur Neuen Systemtheorie

Sehr geehrte Leser, ich habe eine Frage die mich beschäftigt…

Diese Gedanken sind weit entfernt von zu Ende gedacht. Vielleicht mangelt es mir auch nur an Eindringtiefe oder Verständnis der neuen Systemtheorie, weshalb ich sehr offen bin für den Diskurs und alle Ihre Ideen und Rückmeldungen dazu sind mir sehr willkommen…




Zur Einleitung
Immer wieder gerate ich zuletzt an den Punkt, dass Niklas Luhmann in der neuen Systemtheorie auf eine 4. Sinndimension zur Beschreibung von Sozialen Systemen ‚vergessen‘ hat. 

Also ich denke natürlich nicht, dass er sie de facto vergessen hat, sondern dass die von ihm unterschiedenen 3 Dimensionen - Sach, Sozial und Zeit - zur Beschreibung von (damaligen) System-Dynamiken und –Phänomenen in Sozialen Systemen des 20. Jahrhunderts noch gut hinreichend waren. 

Hypothesen vorab: 
In einer Zeit vor der Computer-Gesellschaft – ohne instantaner, geografisch unabhängiger und teils automatisierter Online-Kommunikation – war es sicher hinreichend von 3 Dimensionen zu sprechen. Kommunikation war immer durch physische Präsenz limitiert. Man musste entweder in physischer Anwesenheit miteinander kommunizieren, oder etwa ein gedrucktes Buch lesen oder auch dezidiert zu einem Telefon greifen, um über einen gewählten Kanal zu kommunizieren. Man war in seiner Kommunikation immer nur ein Mal präsent.
Das heißt: Die Dimension der „Präsenz“, in der eine Kommunikation stattfindet war immer entschieden. Und beispielhaft heißt das: während jemand bei einem Meeting in der Firma teilnahm, konnte er nicht gleichzeitig seine Familienjause einnehmen. 

Updates zum 21. Jahrhundert
Heute kann man gleichzeitig einer Familienjause ‚beiwohnen‘ und in einer Online-Konferenz teilnehmen und in Netzwerken wie Facebook, Twitter, etc. mit zusätzlichen Teilnehmergruppen interagieren. (Wenn auch nicht zur Freude der Familienmitglieder, was aber nicht Gegenstand der Analyse sein soll.) 

Präsenz in Sozialen Systemen ist im gleichen Augenblick vervielfältigbar geworden. Wobei ich hier nicht die Effekte beurteilen möchte, bzw. ob man diese gut finden soll, sondern die Tatsache dieser neuen Möglichkeit.

Meiner Meinung nach, würde nur eine zusätzliche Unterscheidung die Tragfähigkeit bieten, das Phänomen der Gleichzeitigkeit trennscharf zu beschreiben, denn anderenfalls müssten diese neu entstandenen Phänomene der Überlagerungen über die Sach-, Sozial- oder Zeit-Dimension beschrieben werden, wo sie aber weder anzusiedeln noch unterscheidbar sind.  

Zur Fragestellung:
Brauchen wir ein Modell mit einer 4. Sinndimension - etwa „Präsenz“, um neue Soziale Systeme oder die nun möglichen gleichzeitigen Teilnahmen in Sozialen Systemen und deren Dynamiken differenziert beschreiben zu können?
Oder auch: 
Durch welche Unterscheidung(en) ließen sich Soziale Systeme in ihrer neuen Komplexität und Dynamik der Computer-Gesellschaft tauglich beschreiben? 


Ich freue mich sehr auf Ihre Kommentare!
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Kommentare:

  1. Ein interessanter Ansatz, aber ich denke nicht, dass man Luhmann um eine vierte Dimension erweitern muss. Neu ist das Konzept der parallelen Zugehörigkeit zu unterschiedlichen (Teil-)System doch auch nicht. Ich denke, dass Luhmann eben mit seiner Systemtheorie soziale Systeme (ziemlich) hinlänglich erfasst hat und technische Neuerungen keine radikale Änderung systemischer Konstellation bringen.

    Immerhin konnte ich ja auch vorher schon einen Brief schreiben, während ich im Firmenmeeting saß (oder Zettelchen schreiben im Deutschunterricht).

    Ich bin fest überzeugt, das (technisch) neue Kommunikationskanäle lediglich bestehende soziale Systemstrukturen abbilden, aber nicht neue Systemstrukturen herausbilden können. Nicht im Hinblick auf die Beschreibungsmöglichkeiten der Systemtheorie.

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    1. herzlichen dank für Ihre rückmeldung.

      wie gesagt: ich bin da am tüfteln und kann das noch nicht zuende argumentieren, weshalb ich gerade in der community sparring-partner suche.

      mal soviel: "Präsenz" war ja früher nicht entscheidbar bzw nach Watzlawick:... "man kann nicht nicht kommunizieren" ...weil man selbst bzw. die kommunikation ja präsent war. genau das beobachte ich aber zunehmend als disponibel. nämlich als eine folge der (virtuellen/ online) gleichzeitigkeit von teilnahmen an sozialen systemen - im gleichen augenblick.

      dadurch entstehen - denke ich - neue 'anschluss-strukturen' wenn man das so nennen kann. u.a. durch die speicherung und sichtbarmachung von "information" und "anschluss".

      sunshine!
      Jan A. Poczynek

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    2. Das Sparring nehme ich gerne auf :-)

      Kommuniziere ich nicht genauso, wenn ich ein soziales Netzwerk im Moment nicht verwende, dass ich gerade anderweitig beschäftigt bin ODER auf den Beitrag lieber gerade nicht reagieren will? Zugegeben, etwas wenig Inhalt, aber phatische Kommunikation ist ja nicht weniger wert als illokutionäre Akte, oder?

      Wenn ich mich 1890 im Café verabredet habe (physisch, nicht virtuell), dort aber nicht auftauche, dann kommuniziere ich ja in etwa so, wie ich heute kommuniziere, wenn ich auf den Tweet für nicht (in-time) reagiere.

      Ich bezweifle, dass wir eine neue Dimension der Gleichzeitigkeit haben, da zwar in Luhmanns Idealbild scheinbar eine Trennung zwischen den Systemen besteht, jedes Individuum aber seit jeher immer in unterschiedlichen System eingebungen ist und diesen mehr oder weniger Aufmerksamkeit schenkt.

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    3. ich kann das ganz und gar nicht widerlegen.
      die suchbewegung dazu beschäftigt mich aber nicht erst seit kurzem und wie ich erfahren habe auch nicht alleine.

      ich bleib mal dran...

      danke auf jedenfall für die anregungen!

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  2. Ich sehe auch keine Notwendigkeit für eine Erweiterung der Sinndimensionen um eine Vierte. Was ist genau gemeint, wenn von "Präsenz" in Sinne einer gleichzeitigen Teilnahme an mehreren Kommunikationssystemen die Rede ist. Würde sich diese Gleichzeitigkeit beim genaueren Hinschauen nicht doch wieder in eine Sequenz von zeitlich aufeinander folgenden Kommunikationsbeiträgen auflösen?

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    1. meine vermutung und suchbewegung geht in die richtung der instantanen präsenz in verschiedenen sozialen systemen.

      früher verging zeit, um entweder physischen raum zu überwinden oder das kommunikations-medium zu wechseln - d.h. nach Luhmann: um "einen anschluss" herzustellen. heute erfolgt das instantan UND simultan (weil digital und unabhängig von geografie oder physischer präsenz)

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    2. Ich bin immer noch skeptisch, denn ich frage mich, ob sich die Annahme einer instantanen Präsenz nicht zu sehr am beteiligten Individuum orientiert? Nur das weiß, dass es gleichzeitig in mehrere Kommunikationssituationen verwickelt ist. Aber selbst dann ließe sich einwenden, dass man nicht gleichzeitig in zwei verschiedene Situationen Beiträge absetzen kann. Wie soll das technisch gehen? Ein Wechsel benötigt immer Zeit. Neben der Überwindung physischer Distanzen oder dem Wechsel des Kommunikationsmediums gilt das auch für den Wechsel oder das Switchen der Kommunikationssituationen – sei es unter Anwesenden oder Abwesenden.

      Hinsichtlich sozialer Systeme müsste man aufpassen, nicht auf einen oberflächlichen Eindruck von Simultanität und Präsenz herein zu fallen. Meine Vermutung würde eher in die Richtung gehen, dass es sich dabei um die notwendige Erwartung von der physischen Präsenz des Kommunikationspartners „am anderen Ende der Leitung“ handelt. Für bestimmte Kommunikationssequenzen unter Abwesenden wie beim Chatten wäre das eine durchaus plausible Annahme. Was man immer dann merkt, wenn die Antwort mal wieder länger auf sich warten lässt. Dass kann daran liegen, dass der Kommunikationspartner noch mit anderen Leuten kommuniziert. Muss es aber nicht.

      Die Frage ist dann, wie damit umgangen wird, wenn diese Erwartung enttäuscht wird. Spätestens an dieser Stelle würde sich wahrscheinlich rausstellen, dass die Annahme einer Präsenzdimension nur die Übernahme einer Erwartung der beteiligten Individuen ist. Die Gründe für die Anschlußverzögerung werden die Beteiligten vermutlich sachbezogen oder personenbezogen zurechnen und nicht auf Präsenz. Denn die Erwartungsenttäuschung weist ja gerade auf das Fehlen eben dieser hin.

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  3. Die Theorie von Luhmann ist im Gegenteil sogar sehr gut geeignet, um die Dynamik moderner Computer-Gesellschaften zu beschreiben.

    Einer der wichtigsten Grundgedanken der Theorie ist, dass soziale Systeme eben gerade NICHT aus Personen bestehen (bzw. konstituiert werden), sondern aus Kommunikation(en).

    Ein Satz wie "Man war in seiner Kommunikation immer nur ein Mal präsent" unterstellt, dass die Systeme eben doch aus Personen bestehen.

    Ich finde auch die Beiträge von @Anonym und @feierabendyogi richtig. Eine neue Dimension "Präsenz" wäre ein großer Rückschritt in der Theorie.

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    1. wie gesagt - ich bin auf der suche und vielleicht nur zu wenig firm im anwenden Luhmann's theorie.

      dass systeme aus kommunikationen bestehen ist klar. lassen sie es mich anders formulieren:
      "präsenz" wäre in der kommunikation (im sinne von information-mitteilung-verstehen), soetwas wie eine selektion die unterscheidbar macht mit welchen systemen eine information in wechselwirkung gestzt werden kann. da sie ja simultan und instantan verteilt wird - was früher noch nicht möglich war.

      ich ringe...
      das defizit kann ich leider noch nicht klarer formulieren - werde aber dran bleiben und bin für ihre anregungen sehr dankbar!

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  4. Vielleicht ganz spannend: Dirk Baecker über die Kultur der nächsten Gesellschaft (ein Schüler Luhmanns): http://www.izkt.de/index.php/cat/87/aid/355/title/Erstmals_online:_Podcasts_aus_der_Reihe_Kulturtheorien

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    1. ohhh - danke für den link zu diesem reichhaltigen fundus!

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  5. Ich denke auch, dass die "always on, always connected" Gesellschaft Luhmann, Baecker & Co. transzedieren wird. Hingegen meine ich, dass die Präsenz eine individuelle Dimension ist, während Luhmanns Systemtheorie soziale Systeme adressiert, die aus Kommunikationen zwischen vielen Individuen besteht und per se multipräsent ist. Ich fürchte daher, dass Du da verschiedenen Ebenen durcheinander bringst.

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  6. Die Annahme über eine Dimension individueller Präsenz ist schnell aufgestellt. Die hier präsentierten Argumente für eine solche Dimension sind allerdings wenig plausibel.

    In Kommunikationssituationen unter Anwesenden sichert u. a. die Wahrnehmung der Beteiligten die räumliche und zeitliche Kontinuität der Situation. Über die wechselseitige Wahrnehmung des Wahrgenommen-Werdens kann außerdem kontrolliert werden, ob die Anwesenden den Fokus auf ein gemeinsames Zentrum der Aufmerksamkeit richten oder nicht.

    Bei der Kommunikation unter Abwesenden fällt die wechselseitige Wahrnehmung weg. Eine Ausnahme wäre Videotelefonie a la Skype. Mit Einschränkungen ist dies beim Telefonieren noch möglich aber spätestens bei schriftlicher Kommunikation unter Abwesenden fehlt die gegenseitige Wahrnehmung und damit eine Möglichkeit der Kontrolle, ob die Beteiligten ein gemeinsames Zentrum der Aufmerksamkeit teilen. Dies gelingt nur noch über das gemeinsame Zentrum der Aufmerksamkeit - z. B. über das Thema (passt zum Thema oder passt nicht zum Thema). Wenn individuelle Präsenz mehr sein soll als physische Anwesenheit der Beteiligten müsste herausgearbeitet werden worin dieses Mehr besteht. Das wurde bisher nicht klar.

    Die Annahme einer individuellen Präsenz des Kommunikationspartners mag zwar aus den Erfahrungen aus Interaktionssituationen heraus eine gewisse Plausibilität besitzen und es ist verführerisch dies auf Kommunikation mit Abwesenden zu übertragen. Dabei könnte sich aber herausstellen, dass diese Erwartung keine Grundlage mehr besitzt – von den oben genannten Ausnahmen abgesehen. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass die Leute nur noch vor ihren Computern hocken um auf die Antwort z. B. auf eine E-Mail zu warten?

    Sollte eine Person an mehreren Kommunikationssystemen partizipieren – was man in einem groben Alltagsverständnis ‚gleichzeitig‘ nennen könnte -, ist letztlich die Frage, ob es ihr gelingt sich zugleich an mehrere Zentren der Aufmerksamkeit zu orientieren und sinnvolle Beiträge liefern kann oder eben nicht. Und ob dies für das eine oder andere soziale System in dem sich die Person beteiligt zum Thema wird.

    Desweiteren möchte ich die provokante Behauptung aufstellen, dass die hier beobachteten Defizite nicht der Systemtheorie Luhmanns anzulasten sind, sondern möglicherweise auf die ungenügende Rezeption eben dieser zurückgeht. Es deutet sich ja schon an den Beträgen hier an, dass man mit der Annahme „da müsste irgendwie ein Dimension individueller Präsenz sein, kann aber irgendwie gar nicht angeben, worin diese sich von den anderen drei Sinndimensionen unterscheidet“ bei Kennern nicht weit kommt. Dies müsste schon mit entsprechenden Argumenten wesentlich stärker unterfüttert werden. Ein Anfang wäre zu klären, inwiefern sich individuelle Präsenz von physischer Anwesenheit unterscheidet.

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  7. das kann sehr gut sein.
    danke jedenfalls für die überlegungen!

    ich bleib dran... ;-)

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  8. neugierig bin ob sich zu dem thema bei dir noch was getan hat in der gedankenwelt :-)

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