Mittwoch, 24. Oktober 2012

Es ist mehr Kreis als Linie


Ich möchte hier eine Lanze für den Kreis brechen!

Nicht nur, dass der Kreis in unserem Sprachgebrauch – gegenüber der Linie – ziemlich schlecht weg kommt:
„Wir reden hier im Kreis…“
„Das ist ein Teufelskreis…“
„Die Situation dreht sich im Kreis…“
Im Gegensatz zu:
„Er bleibt seiner Linie treu…“
„Wir sind auf einer gemeinsamen Linie…“
 „Eine geradlinige Persönlichkeit…“



Ist doch die gerade Linie etwas stark Artifizielles. Sie ist oft stellvertretend für Abstraktion, Reduktion auf geringere Dimension oder Komplexität, eine (mathematische) Annäherung für nicht-lineare Begebenheiten – oder vielleicht sogar die Sehnsucht nach Einfachheit.

Wenn man jedoch die Natur und lebende Systeme aus einer gewissen Perspektive betrachtet, sind sie doch viel öfter ein Kreis als eine Linie. Zyklische Modelle findet man bereits in der antiken Geschichte und Philosophie als Konzept für das Leben – wie etwa den Ouroboros oder die Kundalini. Um 1620 n.Chr. formulierte der englische Universalgelehrte Francis Bacon im „Novum Organum“ dies als wissenschaftliches Konzept.

Im 20. Jahrhundert könnte man es als eine Art Kreis-Renaissance bezeichnen was das Qualitätsmanagement mit CIP, die IT mit eXtremeProgramming, Scrum oder dem Agile Manifesto bzw. die systemische Beratung in Form der systemischen Schleife alles hervorgebracht haben. Diese Ansätze haben alle etwas gemeinsam:

Sie fördern die Abkehr vom mechanistischen Weltbild und von der Fantasie Sachverhalte (in der Zukunft) zentral steuern oder treffend prognostizieren zu wollen. Stattdessen führen Sie die Rückkoppelung in ihre Systematik ein – und damit auch alle Arten von nicht vorhersagbaren Resonanzphänomenen.

Seien Sie also mutig und in Resonanz!
Denken Sie in Schleifen, Zyklen und Kreisen und verlassen Sie ruhig auch mal ganz bewusst „Ihre Linie“!